Autofahren in China
Diese Woche hat in China die Schule wieder angefangen – und damit hat sich auch unser Alltag ein bisschen verändert.
Miki geht auf eine internationale Schule, an der hauptsächlich auf Englisch unterrichtet wird. Wie an vielen Schulen hier gehört natürlich auch eine Schuluniform dazu. Am Montag war sie ziemlich aufgeregt, denn für sie ging es endlich mit der ersten Klasse los.
Die Schule ist allerdings ungefähr 30 Kilometer von unserem Zuhause entfernt. Klingt erstmal gar nicht so weit, aber in Chengdu bedeutet das schnell eine Stunde Autofahrt. Für mich heißt das, dass ich mittlerweile jeden Nachmittag ungefähr zwei Stunden im Stadtverkehr verbringe, um Miki von der Schule abzuholen – meistens zusammen mit meinem Gastvater. Dafür können wir auf dem Rückweg schon mit den Hausaufgaben anfangen, wenn Miki nicht zu müde ist.
Meine erste Autofahrt in China
Auf dem Weg zur Schule fragte mich mein Gastvater dann plötzlich, ob ich es mir zutrauen würde, in China Auto zu fahren. Er könnte währenddessen geschäftliche Termine erledigen und ich könnte Miki von der Schule abholen. Ich meinte, dass ich es gerne ausprobieren würde.
Gesagt, getan: Am Dienstag bin ich zum ersten Mal selbst in China Auto gefahren.
Und ich muss sagen: Es ist definitiv anders als in Deutschland! Das liegt vor allem daran, dass hier einfach viel mehr Verkehr auf den Straßen ist. Dazu kommen unzählige Roller, Fahrräder und Fußgänger, die teilweise ziemlich spontan die Straße überqueren oder sich ihren eigenen Weg durch den Verkehr suchen.
Auch bei den Verkehrsregeln gibt es einige Unterschiede. Zum Beispiel darf man an einer roten Ampel grundsätzlich rechts abbiegen, sofern es nicht ausdrücklich verboten ist. Und die deutsche Regel „rechts vor links“ scheint hier zumindest im Alltag deutlich weniger Bedeutung zu haben.
Auf der Schnellstraße gilt außerdem eine Höchstgeschwindigkeit von 80 km/h. Das klingt eigentlich ziemlich gemütlich – allerdings ist man durch den vielen Verkehr sowieso selten völlig frei unterwegs.
Eine weitere Regel, die ich besonders interessant finde, betrifft das Linksabbiegen. An manchen Kreuzungen gibt es eine spezielle Aufstellfläche beziehungsweise Spur für Linksabbieger. Wenn diese ein eigenes grünes Signal bekommt, dürfen die Autos bereits ein Stück nach vorne fahren und dort warten, bis sie tatsächlich abbiegen können. Das sieht am Anfang ziemlich chaotisch aus, funktioniert aber erstaunlich gut, wenn man einmal verstanden hat, wie es gedacht ist.

Je öfter ich fahre, desto besser verstehe ich langsam das System. Am Anfang war ich bei jeder Kreuzung noch etwas überfordert, mittlerweile kann ich mich schon deutlich besser auf den Verkehr einstellen.
Mein chinesischer Führerschein
Auch der chinesische Führerschein war erstaunlich unkompliziert zu bekommen.


Dafür brauchte ich eine chinesische Übersetzung meines deutschen Führerscheins und Passbilder. Mit den Unterlagen ging es dann zu einer Behörde.
Eine Behörde in China muss man sich dabei ein bisschen anders vorstellen als in Deutschland. Es gibt einen großen Raum, der durch einen langen Tisch geteilt ist. Auf der einen Seite sitzen die Sachbearbeiter und auf der anderen Seite die Bürger. Man zieht eine Nummer, wartet und geht dann zu seinem entsprechenden Schalter.
Datenschutz, wie ich ihn aus Deutschland kenne, scheint dort etwas weniger streng gehandhabt zu werden. Es gibt keine kleinen abgetrennten Kabinen oder Trennwände. Ich saß also einer jungen Mitarbeiterin gegenüber, die meinen Antrag bearbeitete. Hinter ihr saß ihr Vorgesetzter, der irgendwann ebenfalls dazukam, um sich meinen Fall anzuschauen. Und natürlich wurden auch von den anderen Schaltern neugierige Blicke in meine Richtung geworfen. Als Europäerin mit einem deutschen Führerschein war ich dort offenbar ein kleines Ereignis. 😄
Der ganze Vorgang dauerte nicht einmal eine Stunde. Danach hatte ich tatsächlich meinen chinesischen Führerschein in der Hand – sogar mit einem chinesischen Namen darauf.
Der Führerschein ist zunächst ein Jahr gültig. Wenn ich Auto fahre, muss ich allerdings immer meinen deutschen Führerschein, die chinesische Übersetzung und meinen chinesischen Führerschein dabeihaben.
Warum die Familie zwei Autos hat
Meine Gastfamilie hat sogar zwei Autos. Der Grund dafür ist unter anderem die sogenannte 尾号限行 (Wěihào xiànxíng) – eine Verkehrsbeschränkung, die sich nach der letzten Ziffer des Kennzeichens richtet.
In Chengdu dürfen bestimmte Autos an Werktagen zu bestimmten Zeiten nicht in den inneren Stadtbereich fahren. Die Fahrzeuge werden anhand der letzten Ziffer ihres Kennzeichens in fünf Gruppen eingeteilt: Montags sind beispielsweise die Endziffern 1 und 6 betroffen, dienstags 2 und 7, mittwochs 3 und 8, donnerstags 4 und 9 und freitags 5 und 0. Die Regel gilt grundsätzlich werktags zwischen 7:30 und 20:00 Uhr innerhalb der Chengdu Ringstraße.


Dadurch kann es für Familien praktisch sein, zwei Autos mit unterschiedlichen Kennzeichen zu haben. Wenn eines der Autos an einem bestimmten Tag nicht fahren darf, kann man auf das andere ausweichen. Elektroautos mit entsprechender chinesischer New-Energy-Kennzeichnung sind von dieser regulären Endziffern-Regelung ausgenommen.
Für mich ist das alles noch ziemlich neu. Aber je öfter ich selbst fahre, desto mehr verstehe ich, wie der Verkehr hier funktioniert. Und ehrlich gesagt macht es inzwischen sogar ein bisschen Spaß, mich durch das Verkehrschaos von Chengdu zu navigieren.
Schule, Regen und Alltag
Abgesehen vom neuen Schulalltag und meinen ersten Fahrversuchen gab es diese Woche natürlich wieder jede Menge gutes Essen – und jede Menge Regen.
Wobei der Regen hier tatsächlich gar nicht so schlecht ist. Bei Temperaturen zwischen 27 und 34 Grad bin ich ehrlich gesagt ganz froh, wenn es zwischendurch mal etwas abkühlt. Sobald die Sonne wieder herauskommt, ist es allerdings direkt wieder heiß und schwül.
Ansonsten verbringe ich meine Zeit mit anderen Au-pairs, gehe weiterhin zum Chinesischunterricht oder laufe einfach durch Chengdu und entdecke die Stadt.

