Zwischen Stempeln, Tempeln und Chengdus Nachtleben

Diese Woche war wieder einiges los. Wir haben als Au-pair-Gruppe etwas ganz Traditionelles ausprobiert, einen der bekanntesten Tempel Chengdus besucht, einen Einblick in den etwas ungewöhnlichen „Heiratsmarkt“ bekommen und schließlich auch noch das Nachtleben der Stadt kennengelernt.

Chinesische Stempel

Am Mittwoch sind wir gemeinsam als Au-pair-Gruppe in einen kleinen Laden in der Desheng Road gefahren. Dort konnten wir unsere eigenen chinesischen Stempel schnitzen.

Bevor wir angefangen haben, hat uns die Besitzerin erstmal erklärt, welche Bedeutung Stempel in China überhaupt haben. Die traditionelle chinesische Stempelschneidekunst nennt sich 篆刻 (Zhuānkè) und hat eine sehr lange Geschichte. Stempel wurden in China bereits vor mehr als 2.000 Jahren verwendet und waren ursprünglich vor allem ein Zeichen von Autorität und Besitz. Besonders wichtig wurden sie in der Verwaltung: Ein persönlicher oder offizieller Stempel konnte eine Unterschrift ersetzen und Dokumente beglaubigen. Die Kunst des Stempelschneidens entwickelte sich im Laufe der Jahrhunderte zu einer eigenen Form der chinesischen Kalligrafie und Kunst.

Heute werden solche Stempel unter anderem noch von Künstlern, Kalligrafen und für traditionelle Schriftkunst verwendet. Statt einfach einen Namen in lateinischen Buchstaben daraufzuschreiben, werden häufig chinesische Schriftzeichen in einem sehr alten, kunstvollen Schriftstil verwendet.

Danach durften wir selbst kreativ werden. Jeder konnte sich ein eigenes Motiv aussuchen und seinen Stempel gestalten. Dafür bekommt man einen kleinen, sehr weichen Stein und ein scharfes Messer. Das Motiv wird spiegelverkehrt in die Unterseite des Steins geritzt, damit es später beim Stempeln richtig herum erscheint.

Einfach war das allerdings nicht. Besonders die dünnen Linien waren eine Herausforderung. Man musste sehr vorsichtig arbeiten, damit man nicht aus Versehen zu viel Material wegkratzt. Am Ende hat uns deshalb noch ein Mitarbeiter beim Feinschliff geholfen. Nach einigen Stunden hatten wir dann tatsächlich unseren eigenen chinesischen Stempel in der Hand.

Ich fand es besonders schön, nicht nur etwas Typisches aus China zu kaufen, sondern selbst etwas herzustellen, das eine so lange Tradition hat.

Wenshu Monastery – fast 1.400 Jahre Geschichte

Anschließend ging es weiter zum Wenshu Monastery (文殊院). Der buddhistische Tempel liegt mitten in Chengdu und wirkt trotz der riesigen Stadt drumherum erstaunlich ruhig.

Die Geschichte des Klosters reicht bis in die Sui-Dynastie zurück, genauer gesagt in die Jahre 605 bis 617. Damals hieß der Tempel noch Xinxiang Temple. Im Laufe der Jahrhunderte wurde er mehrfach umbenannt und immer wieder verändert. Ende der Ming-Dynastie wurde die Anlage durch Krieg zerstört. Erst während der Qing-Dynastie wurde sie wieder aufgebaut. Die heutige Anlage ist deshalb vor allem durch die Architektur des 17. und 18. Jahrhunderts geprägt.

Seinen heutigen Namen Wenshu Monastery bekam der Tempel nach einer Geschichte rund um den buddhistischen Mönch Cidu. Der Legende nach soll nach seinem Tod beziehungsweise bei seiner Einäscherung eine Erscheinung des Bodhisattva Manjushri (Wenshu) gesehen worden sein. Manjushri steht im Buddhismus für Weisheit. Daraufhin wurde der Ort mit ihm verbunden und schließlich in Wenshu Monastery umbenannt.

Heute ist das Wenshu Monastery eines der bedeutendsten buddhistischen Klöster in Chengdu und gilt als eines der am besten erhaltenen buddhistischen Klöster der Stadt. Die Anlage besteht aus mehreren großen Hallen, Innenhöfen und Gärten. Besonders beeindruckend fand ich die vielen roten Säulen, geschwungenen Dächer und die zahlreichen Buddhafiguren.

Auch heute ist der Tempel kein reines Museum, sondern ein aktiver religiöser Ort. Menschen kommen hierher, um zu beten, Räucherstäbchen anzuzünden und Opfergaben zu bringen. Auf einem traditionellen Opfertisch lagen zum Beispiel unglaublich viele frische Früchte. Das Ganze wirkte gleichzeitig sehr alltäglich und für mich trotzdem völlig ungewohnt.

People’s Park und der etwas andere Heiratsmarkt

Ein paar Tage später war ich im People’s Park, einem der bekanntesten Parks mitten in Chengdu. Der Park wurde bereits 1911 gegründet und war damals der erste öffentliche Park der Stadt. Heute ist er vor allem ein Treffpunkt für die Bewohner Chengdus.

Besonders bekannt ist der Park für seine Teehäuser. Das bekannteste ist das Heming Teahouse, das bereits seit rund 100 Jahren besteht. Hier sitzen die Menschen stundenlang zusammen, trinken Tee, unterhalten sich, spielen Karten oder Mahjong und beobachten einfach das Leben um sich herum.

Leider waren die Teehäuser schon geschlossen, als ich dort war. Das muss ich also definitiv noch nachholen. Ich möchte unbedingt einmal dort sitzen, einen typisch chinesischen Tee trinken und einfach beobachten, was um mich herum passiert.

Noch ungewöhnlicher ist allerdings der sogenannte Marriage Market, also der Heiratsmarkt des Parks. Dort hängen Eltern und Großeltern Steckbriefe ihrer unverheirateten Kinder oder Enkelkinder auf. Darauf stehen zum Beispiel Alter, Größe, Beruf, Ausbildung und teilweise auch Einkommen oder Angaben zur Wohnung. Die Eltern hoffen dann, auf diese Weise einen passenden Partner für ihre Kinder zu finden. Besonders am Wochenende ist dieser Bereich gut besucht.

Ich finde es ziemlich faszinierend, dass es so etwas tatsächlich mitten in einem öffentlichen Park gibt. In Deutschland würde man wahrscheinlich eher eine Dating-App öffnen – hier hängen die Eltern einfach die Bewerbungsunterlagen ihrer Kinder auf.

Chengdu bei Nacht

Nach meinem Besuch im People’s Park sind wir noch weiter durch Chengdu gelaufen. Entlang des Flusses haben wir verschiedene Lichtinstallationen entdeckt.

Sobald es dunkel wird, verändert sich die Stadt noch einmal komplett. Die Hochhäuser werden angestrahlt, auf den Fassaden laufen Animationen und entlang des Flusses spiegeln sich die Lichter im Wasser. Besonders rund um den Jinjiang-Fluss gibt es viele beleuchtete Bereiche und teilweise auch traditionelle Laternen, die zusammen mit den modernen Gebäuden einen ziemlich besonderen Mix ergeben.

Das ist etwas, was mir an Chengdu besonders auffällt: Tradition und moderne Großstadt liegen hier wirklich direkt nebeneinander. Ein paar Minuten vorher läuft man noch durch einen jahrhundertealten buddhistischen Tempel und kurz danach steht man zwischen riesigen Hochhäusern und modernen Lichtinstallationen.

Nachtleben in China

Diese Woche war ich außerdem zum ersten Mal in einem Club – in Lan Kwai Fong, einem bekannten Ausgehviertel in Chengdu.

Auch hier gibt es einige Unterschiede zu Deutschland. Viele Clubs haben keinen klassischen Eintritt oder der Eintritt ist zumindest für Frauen häufig kostenlos. Dafür sind die Clubs teilweise unglaublich voll.

Bevor man überhaupt hineinkommt, gibt es eine ziemlich gründliche Sicherheitskontrolle. Teilweise fühlt es sich fast ein bisschen so an wie am Flughafen: Tasche öffnen, kontrollieren lassen und durch die Sicherheitskontrolle gehen.

Drinnen war es dann auch anders, als ich es aus Deutschland kenne. In vielen Clubs stehen vor allem Tische, an denen Gruppen sitzen und Getränke bestellen. Die Leute stehen zwar auch auf, aber viele Chinesen tanzen deutlich weniger, als ich es aus deutschen Clubs gewohnt bin. Stattdessen wird viel getrunken, geredet und mit Freunden am Tisch gefeiert.

Für mich war das auf jeden Fall eine interessante Erfahrung. Ich glaube, ich werde noch ein paar Mal ausgehen müssen, bevor ich wirklich verstanden habe, wie das chinesische Nachtleben funktioniert.

Hinterlasse einen Kommentar